12.08.2022
Anja Krieger

Wieso Chemikalien und Plastik ein Zukunftsrisiko sind

Die Menschheit hat eine Vielzahl von neuen Stoffen in die Umwelt gebracht, die es vorher so nicht gab. Da diese Fremdstoffe in der Evolution bisher nicht oder nur selten vorkamen, kommen Lebewesen nicht gut mit ihnen klar. Diese Xenobiotika können giftig, schwer abbaubar oder sehr mobil sein und Auswirkungen auf die Gesundheit und das Erdsystem haben.

Planetare Belastungsgrenze Neue Substanzen nach Rockström, Stockholm Resilience Center
Planetare Belastungsgrenze Neue Substanzen nach Rockström, Stockholm Resilience Center
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Julia Blenn / Helmholtz-Klima-Initiative

Insgesamt gibt es geschätzt 350.000 Chemikalien auf dem globalen Markt, von Lösungsmitteln über Pestizide bis zu Medikamenten. Auch Plastik, also Kunststoffe aus synthetischen Polymeren, werden chemisch hergestellt und enthalten Zusatzstoffe wie Weichmacher, Farbstoffe oder Flammschutzmittel. Einige dieser Stoffe, die die Menschheit neu in die Umwelt bringt, können sich auf die Gesundheit von Mensch und Lebewesen auswirken – etwa weil sie krebserregend sein können oder das Potenzial haben, den Hormonhaushalt zu verändern.

Chemikalien und Plastik werden im Konzept der planetaren Grenzen zu den fremdartigen Stoffen für die Natur und das Erdsystem gezählt, an die sich Lebewesen  in der Evolution nicht anpassen konnten. Diese neuen Faktoren oder Größen („novel entities“) sind eine Sammelkategorie, zu der auch radioaktive Abfälle, Schwermetalle und seltene Erden gehören, die erst durch den Menschen in der Umwelt weit verbreitet werden.

Für Johan Rockström, der das Konzept der planetaren Grenzen entwickelt hat, gehören die neuen Stoffe zu den drei entscheidendsten Faktoren für unsere Zukunft, zusammen mit dem Verlust der Biodiversität und dem Klimawandel.* 2022 stellten Forscher:innen fest, dass die planetare Belastungsgrenze für neue Substanzen im Bereich Chemikalien und Plastik bereits überschritten ist – wir Menschen uns hier also außerhalb eines sicheren Rahmens bewegen.

Vielfalt und Menge macht Chemikalien unkontrollierbar

Seit 1950 hat die weltweite Produktion von Chemikalien um das 50-fache zugenommen. Zwischen den Jahren 2000-2015 stieg auch die Plastikproduktion um fast 80 Prozent. Es wird erwartet, dass der Markt für Chemikalien und Kunststoffe in den kommenden Jahren weiter stark wächst. Dabei wiegt der gesamte Kunststoff auf der Erde schon jetzt mehr als alle Tiere an Land und im Meer zusammen.

Große Mengen an Plastik und Chemikalien gelangen – in der Regel unbeabsichtigt oder durch schlechtes Management – in die Natur. Geschätzte 79 Prozent des Plastiks, das seit 1950 produziert wurde, befinden sich entweder auf Mülldeponien oder in Meeren, Flüssen, Seen, dem Boden und in der Luft.

Wie kommen wir zurück in den sicheren Bereich?

Um diese planetare Grenze einzuhalten, muss der Eintrag an neuen Substanzen in die Umwelt massiv reduziert werden, etwa indem die Abfallmengen verringert und die Kreislaufwirtschaft ausgebaut und sicher gestaltet wird. Bei ganz problematischen Stoffen braucht es möglicherweise einen Aus- und Umstieg zu Alternativen oder Produktionsgrenzen.

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