Thomas Krautwig, Anja Krieger

Wie wir die Grenzen des Planeten achten

Bei der Luftverschmutzung, der biologischen Vielfalt, beim Ausmaß des Klimawandels und anderen Bereichen hat unser Planet Grenzen der Belastbarkeit. Grenzen, die eingehalten werden müssen, damit die Lebensgrundlagen für den Menschen gewahrt bleiben. Das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen definiert diese Leitplanken. Es umfasst neun Dimensionen, die für die Gesundheit und Überlebensfähigkeit unserer menschlichen Zivilisation entscheidend sind. Einige dieser Grenzen haben wir bereits überschritten. Wie kommen wir zurück in den sicheren Bereich?

Die 9 planetaren Belastungsgrenzen nach Rockström, Stockholm Resilience Center
Die 9 planetaren Belastungsgrenzen nach Rockström, Stockholm Resilience Center
Grafik: Planetare Belastungsgrenzen
©
Julia Blenn / Helmholtz-Klima-Initiative

Unsere modernen Gesellschaften haben sich im Lauf der vergangenen 10.000 Jahre in einem relativ stabilen Zustand des Erdsystems entwickelt, dem Holozän. In den letzten Jahrzehnten haben wir die Bedingungen auf unserem Planeten jedoch massiv verändert: Unsere Treibhausgase heizen den Klimawandel an und führen zur Versauerung der Ozeane. Unsere Felder, Straßen und Häuser verändern die Landschaft, Fahrzeuge und Fabriken verschmutzen die Luft. Einige der neuen Chemikalien, die in die Umwelt gelangen, wirken sich auf die Gesundheit von Menschen und Ökosystemen aus. Wir beeinflussen den Wasserhaushalt, verändern wichtige Kreisläufe und sind dafür verantwortlich, dass viele Arten von Lebewesen für immer aussterben.

Mit diesen Eingriffen in die Natur verlassen wir nach und nach den sicheren Handlungsrahmen für unsere eigene Zukunft, hat der Wissenschaftler Johan Rockström festgestellt. Er hat deshalb 2009 das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen am Stockholm Resilience Center entwickelt, das seitdem mehrfach aktualisiert wurde. Anlässlich des Erdüberlastungstages zeigen wir hier in neun Artikeln, welche der planetaren Grenzen schon als überschritten gelten und welche noch nicht, woran die Wissenschaft das festmacht, und was wir tun können, um für eine sichere Zukunft zu sorgen.

Die Grafik zeigt, welche Belastungsgrenzen wie weit vorangeschritten sind. Der grüne Kreis in der Mitte symbolisiert unseren sicheren Handlungsraum. Die orangenen Ausschläge nach außen zeigen, wo die planetaren Grenzen bereits überschritten sind – und wie weit. Bei den grauen Bereichen ist das noch unklar, das muss die Wissenschaft noch erforschen. Mit Klick auf das Bild kann die Grafik vergrößert werden. Es gibt neun Belastungsgrenzen. Über den Link in jedem Abschnitt geht es zum ausführlichen Artikel mit Details zum Thema:

Die Menschheit hat eine Vielzahl neuer Stoffe in die Umwelt gebracht, die es vorher so nicht gab – wie Plastik, Farbstoffe oder Flammschutzmittel. Da diese Fremdstoffe in der Evolution bisher nicht oder nur selten vorkamen, kommen Lebewesen nicht gut mit ihnen klar. 2022 stellten Forschende fest, dass die planetare Belastungsgrenze für neue Substanzen im Bereich Chemikalien und Plastik bereits überschritten ist. Mehr lesen >

Die biologische Vielfalt und die Intaktheit der lebenden Welt sind ein wichtiger stabilisierender Faktor für das gesamte Erdsystem. Menschliche Eingriffe in die Natur bedrohen diese ökologische Stabilität. Das Artensterben hat sich vervielfacht, die planetare Belastungsgrenze gilt als bereits weit überschritten. Auch die Größe von Populationen, die Anzahl von Lebewesen und ihre Verteilung sind wichtig für die Einschätzung der Zukunftsrisiken – hier fehlt es aber noch an Daten. Mehr lesen >

Ohne Stickstoff und Phosphor könnten Lebewesen nicht existieren. Wie andere wichtige Nährstoffe bewegen sich diese chemischen Elemente in Kreisläufen und in Mengen, auf die sich die Ökosysteme im Lauf der Evolution eingestellt haben. Mittlerweile haben wir Menschen die Kreisläufe stark aus der Balance gebracht. Dadurch sind zu viel Stickstoff und Phosphor im Umlauf, gleichzeitig wird der Phosphor knapp. Die Grenze ist stark überschritten. Mehr lesen >

Die Verfügbarkeit von Süßwasser und feuchter, temperierter Luft ist für Menschen, Pflanzen und viele andere Lebewesen von großer Bedeutung. Bisher nahmen Forschende an, dass wir die planetare Belastungsgrenze für den Wasserhaushalt der Erde noch nicht überschritten haben. Doch nun zeigte sich, dass das sogenannte "grüne Wasser" zunehmend knapp wird, vor allem das für Pflanzen verfügbare Wasser wie Regen, Bodenfeuchte und Verdunstung. Diese Teilgrenze liegt bereits im riskanten Bereich. Beim Wasser in Flüssen, Seen und Grundwasser sieht die Situation zur Zeit immerhin noch besser aus. Mehr lesen >

Landwirtschaft und Siedlungsbau verändern die Landschaft. In den letzten 50 Jahren hat eine starke Umwandlung der Wälder in landwirtschaftliche Nutzfläche stattgefunden. Große Waldgebiete haben wichtige Ökosystemfunktionen verloren. Die planetare Grenze gilt bereits heute als überschritten, ist aber noch nicht so stark im roten Bereich wie andere Dimensionen. Mehr lesen >

Der Klimawandel schreitet immer schneller voran. Die globale Erderwärmung macht sich auch in Deutschland zunehmend bemerkbar. Hitzewellen, Überflutungen und Dürren sind nur einige Folgen. Mit jedem Zehntelgrad Celsius Temperaturanstieg steigt die Gefahr von abrupten und irreversiblen Veränderungen des Erdsystems. Die planetare Grenze ist überschritten. Mehr lesen >

Der durch uns Menschen verursachte Ausstoß von Aerosolen, also kleinen Partikeln in die Atmosphäre wie etwa Ruß, wirkt sich nicht nur negativ auf die menschliche Gesundheit aus. Er führt auch zu Veränderungen im Klimasystem. Ob die planetare Grenze für Luftverschmutzung durch Aerosole schon überschritten ist oder noch im grünen Bereich liegt, ist noch nicht sicher – das muss die Wissenschaft erst erforschen. Vor allem auf regionaler Ebene sind aber bereits negative Auswirkungen bemerkbar. Mehr lesen >

Die Ozeane werden immer saurer, das heißt, ihr pH-Wert sinkt. Grund ist immer mehr CO2 in der Atmosphäre, das vom Wasser aufgenommen und dort zu Kohlensäure wird. Das setzt den Lebewesen im Meer zu, die Schalen und Skelette aus Kalk haben und dann schlechter wachsen und überleben. In der Folge kann der Ozean weniger Sauerstoff produzieren und CO2 speichern, und das Nahrungsangebot für andere Meerestiere sinkt. Derzeit ist die planetare Belastungsgrenze für die Versauerung aber noch nicht überschritten.

Die Ozonschicht in der Stratosphäre schützt alle Lebewesen vor gefährlicher ultravioletter Strahlung. 1985 stellten Wissenschaftler:innen fest, dass die Schutzhülle über der Antarktis dünner geworden war. Ursache des „Ozonlochs“ waren Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), eine Gruppe von Chemikalien, die teilweise auch klimaschädlich sind. Die Weltgemeinschaft handelte und zog sie aus dem Verkehr. Heute erholt sich die Ozonschicht allmählich wieder. Beherzte Politik stellte sicher, dass die planetare Grenze nicht überschritten wurde. Mehr lesen >

Ziel der planetaren Grenzen ist es, nach dem Vorsorgeprinzip zu handeln. Das Vorsorgeprinzip besagt, dass Belastungen an der Umwelt vermieden werden sollen, die auch die menschliche Gesundheit beeinträchtigen können. Damit soll möglichen Risiken vorgebeugt werden, auch wenn keine vollständige Wissensbasis vorliegt. Es geht also darum, Schäden an der Umwelt zu vermeiden, da außerhalb des sicheren Handlungsrahmens die Aus- und Wechselwirkungen unseren derzeitigen Kenntnisstand übersteigen und nicht abzuschätzen sind.

Die planetaren Grenzen gelten heute in sechs der neun Dimensionen bereits als überschritten. So haben wir Menschen die Atmosphäre bereits um global 1,2°C erwärmt und steuern derzeit darauf zu, diverse unumkehrbare Kipppunkte im Klimasystem zu überschreiten.

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