Manuel Berkel

Fahrplan für Kohlendioxid-Speicher

Mit dem neuen Klimaschutzgesetz setzt sich Deutschland höhere Klimaziele. Damit steigt auch die Notwendigkeit, der Atmosphäre Kohlendioxid (CO2) zu entziehen. Mehrere Experten fordern deshalb eine Roadmap für negative Emissionen.

Artikel teilen
Andreas Oschlies
Andreas Oschlies
Andreas Oschlies berechnet Szenarien für Klimaneutralität.
©
GEOMAR

Die Herausforderung ist gewaltig. Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral werden und netto-null Treibhausgase ausstoßen. Bis dahin müssen also sämtliche Treibhausgase vermieden oder kompensiert werden – zuletzt waren es noch 739 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Nicht alles wird sich nach Einschätzung von Expertinnen und Experten vermeiden lassen, es verbleiben voraussichtlich Restemissionen aus der Landwirtschaft, der Abfallbehandlung und vielleicht auch aus einigen Industriebranchen. Der Entwurf zum neuen Klimaschutzgesetz schätzt diese Restemissionen auf 37,5 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2045. Nach 2050 soll die Klimabilanz der EU sogar netto-negativ werden, dann müssen deutlich mehr Treibhausgase eingespeichert werden als noch verbleiben. Deshalb gibt es seit einigen Wochen Vorschläge, einen Fahrplan zu erstellen, wie CO2 genau gespeichert werden soll.

Eine Strategie für die Speicherung oder Nutzung von Kohlenstoff forderte unlängst die Deutsche Energie-Agentur (Dena). Mit einem Pfad für den Ausbau der benötigten Technologien könnten Unternehmen Fehlinvestitionen vermeiden, argumentieren die Dena und ihre Projektpartner aus Wirtschaft und Wissenschaft. Eine entsprechende CCS-Strategie für „Carbon Capture and Storage“ zu erarbeiten, ist auch eine der 50 Empfehlungen für die kommende Legislaturperiode, die Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und die Stiftung Klimaneutralität vor Kurzem vorgelegt haben.

5

Millionen Tonnen CO2

pro Jahr soll Northern Lights speichern

Noch nicht absehbar sei außerdem, ob die Bevölkerung die Umgestaltung ganzer Ökosysteme mittrage, etwa die Wiederherstellung von Mooren. „Ein Moor als CO2-Speicher ist erstmal positiv besetzt. Die Frage ist bloß, ob dies so bleibt, wenn Menschen keine trockengelegte grüne Landschaft mehr vorfinden, sondern großflächig vernässte Moore. Auch naturnahe CO2-Speicher sind keine Selbstläufer“, sagt Oschlies.

Weitere 50 Millionen Tonnen CO2 jährlich müssten nach den Berechnungen der Helmholtz-Klima-Initiative unterirdisch gespeichert oder durch bisher nicht ausreichend erforschte Methoden wie künstliche Verwitterung von Gestein aus der Atmosphäre entnommen werden, sagt Oschlies. An Land gab es gegen erste Versuche der unterirdischen CO2-Speicherung Widerstände, deshalb verfolgen mehrere europäische Staaten das Ziel, CO2 in Salzwasserformationen oder leer gepumpten Erdgaslagerstätten tief unter dem Nordseeboden zu injizieren. „Die größten Probleme sind der Bau von Pipelines und das Erschließen geeigneter und dichter geologischer Speicher“, sagt Oschlies. „Gegen CO2-Pipelines könnten die Widerstände noch größer sein als gegen Stromleitungen. Aber auch für den Transport mit Schiffen müssen Lösungen überlegt werden.“

CO2-Speicherung schon 2030

Einen Fahrplan zur CO2-Speicherung hält der Meereswissenschaftler schon wegen der Größe der Aufgabe für notwendig. Das Mammutprojekt Northern Lights vor der norwegischen Küste soll jährlich bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 unter der Nordsee speichern. Für die 50 Millionen Tonnen des deutschen Netto-Null-Ziels wäre also eine ganze Reihe solcher Großprojekte in der Nordsee nötig – und nach 2050 noch größere Dimensionen, wenn ganz Europa sogar netto-negativ werden möchte. „Es wäre klug, sich schon früh geeignete CO2-Speicher zu sichern und nicht erst dann, wenn alle Volkswirtschaften auf den Zug aufspringen“, sagt Oschlies. „Schon 2030 sollte Deutschland in der Lage sein, mehrere Millionen Tonnen CO2 zu speichern. So könnten die bis zur Jahrhundertmitte zum Erreichen der Klimaziele erforderlichen jährlichen Mengen in einer generationengerechten Weise gespeichert werden.“