Regensburg im Klimawandel: Die steinerne Stadt
Regensburg leidet unter der zunehmenden Hitze – und zählt seit mehr als einem Jahrzehnt zu den Vorreitern bei der Anpassung an die Klimakrise. Ein Rundgang mit der eigens angestellten Klimaresilienzmanagerin.
Durch das Fenster im Sitzungssaal strömt heiße Luft herein, drinnen im Neuen Rathaus von Regensburg beugt sich Katharina Schätz über ihre Präsentation zur Klimaresilienz, die sie gleich halten wird, und hat plötzlich eine Idee. „Neulich war ich in Basel“, ruft sie ihrem Kollegen zu, „und die hatten da solche Diffusoren aufgebaut, die Wasser vernebeln. Das war in der Hitze richtig angenehm. So etwas sollten wir auch machen!“
Die Aufbruchstimmung ist greifbar in Regensburg: Die Stadt gilt als eine der führenden deutschen Kommunen, wenn es darum geht, die Stadtplanung an die Klimakrise anzupassen. Die Fäden dazu laufen bei Katharina Schätz zusammen, die als Klimaresilienzmanagerin alle Initiativen koordiniert. In ihrer Präsentation geht es um genau diese Aufgaben: die Hitzewellen in der Stadt sollen erträglicher gemacht werden, man will besser mit Starkregen klarkommen und Rezepte zum Umgang mit der Dürre finden. „Die Schadensmeldungen zeigen, dass die Starkregen-Ereignisse in den letzten Jahren seit ca. 2016 zugenommen haben“, heißt es bei der Stadt, und im März 2022 wurde bei Regensburg mit 23 Grad sogar ein bundesweiter Temperaturrekord gemessen.
Viele Kommunen stehen vor ähnlichen Aufgaben, um die Stadtplanung an die Klimakrise anzupassen
Weil gerade viele Kommunen vor ähnlichen Aufgaben stehen, aber nur wenige so lange Erfahrungen haben wie Regensburg, klingelt bei Katharina Schätz ständig das Telefon. Kollegen aus anderen Städten wollen sich informieren, Studierende aus Hochschulen von überall in Deutschland bitten sie um einen Besuch, Journalisten schreiben über ihre Arbeit und Wissenschaftler laden sie zu Kongressen ein. Heute hält Schätz ihre Präsentation zusammen mit Bernhard Eichinger. Er ist Architekt und leitet im Regensburger Stadtplanungsamt die Abteilung Innenstadt. Die beiden ergänzen sich bestens: Katharina Schätz im Bereich Umweltplanung und Ingenieursökologie und Bernhard Eichinger, der seit fast vier Jahrzehnten alle Feinheiten der Regensburger Stadtplanung kennt und schon dabei war, als die Stadt im Jahr 2009 im Rahmen der bundesweiten Initiative ExWoSt („Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“) erste Erfahrungen sammelte.
12 Schritte zur Klimaneutralität
Wer verstehen will, warum gerade Regensburg zur Vorreiter-Stadt werden will, muss an einem Sommertag durch das Zentrum schlendern. Durch die fast 2000 Jahre alte Unesco- Stadt fließt die Donau, und hin zum Dom führen schmale Gassen mit Kopfsteinpflaster, die sich in regelmäßigem Rhythmus zu imposanten Plätzen weiten. Schwanenplatz heißen sie, Emmeramsplatz, Bismarckplatz, Haidplatz oder Kohlenmarkt – „eine steinerne Stadt“, konstatiert Bernhard Eichinger. Er zeigt aus Vogelperspektive eine Aufnahme der Temperaturverteilung, auf der die gesamte Fläche der 160.000-Einwohner-Stadt mitsamt Neubaugebieten und Außenbezirken dargestellt wurde. Inmitten kühlerer Flächen, die in grün, gelb und orange darauf abgebildet sind, prangt ein großes rotes Oval. „Das ist die Altstadt, eine richtige Wärmeinsel“, sagt Eichinger. Das Zentrum befindet sich im flachen Donauschwemmland, die engen steinernen Plätze und Gassen heizen sich unter der Sonne zügig auf. Daran etwas zu ändern: Das ist das Ziel, das Katharina Schätz und Bernhard Eichinger zusammen mit der Kommunalpolitik verfolgen. Sie alle wissen, dass das Problem in Zukunft noch größer werden dürfte; die Zahl der heißen Tage wird nach allen Prognosen in den nächsten Jahrzehnten stetig ansteigen.
Seit 2018 ist Katharina Schätz auf ihrem Posten. Ihre Aufgabe geht sie mit analytischer Akribie an. Die Stadt hat für sie eine Querschnittsstelle eingerichtet, und das ist eines der Erfolgsgeheimnisse: Sie gehört nicht zu einem der zahlreichen Ämter, sondern ist direkt dem Umweltbürgermeister unterstellt. Das schafft ihr größere Freiräume. In den ersten Jahren analysierte sie in mühsamer Kleinarbeit den Status Quo. Eine Phase war das, in der noch nichts Sicht- und Greifbares umgestaltet wurde; vielmehr war es der Vorlauf, den Verwaltungen nun einmal brauchen. Von „FNP“ und „LP“ spricht Katharina Schätz routiniert, es sind die Kürzel für Flächennutzungsplan und Landschaftsplan – und Chiffren dafür, wie kleinteilig die Vorbereitung ist, bis tatsächlich irgendwo die Bagger rollen.
„Grundsatzbeschlüsse" sind ein verpflichtender Teil für die weitere Stadtplanung
Die wichtigen Meilensteine in Schätz’ Arbeit tragen das Kürzel GB, „Grundsatzbeschluss“. Aus dem Jahr 2019 ist der GB Klimaanpassungsstrategie, von 2020 der GB Starkregenvorsorge, von 2022 der GB Förderprojekt und der GB Hitzemanagement. Wochen- und monatelang saß sie vorher mit sämtlichen betroffenen Regensburger Behörden zusammen, um die Konzepte auszuarbeiten: Stadtkämmerei, Liegenschaftsamt, Umweltamt, Amt für Brand- und Katastrophenschutz, Amt für Hochbau, Amt für Stadtentwicklung, Gartenamt – mehr als ein Dutzend Behörden brachten sich ein, damit das Ergebnis anschließend auch praktikabel ist. Am Schluss legte Katharina Schätz die Pläne dem Stadtrat vor, der sie offiziell beschloss.
Kommunaler Klimanotstand – Eine Kurzübersicht aus rechtlicher Perspektive
Seit diesem Moment gibt es die Grundsatzbeschlüsse, und die sind verpflichtender Teil für die weitere Stadtplanung. Jetzt, heißt das im Klartext, jetzt beginnt die Phase, in der die Bagger rollen. „Wann immer wir einen Platz neu gestalten und aufwerten, tun wir das auch mit Blick auf die Klimaresilienz“, fasst Bernhard Eichinger das zusammen.
Um den Beweis anzutreten, laden Eichinger und Schätz zu einem Stadtspaziergang ein. Vom Sitzungssaal im Rathaus geht es zwei Stockwerke nach unten, aus der schweren Rathaustür hinaus und direkt hinein in die Altstadt. Der Schwanenplatz liegt nur ein paar Schritte entfernt vom Rathaus, dort sind gerade Gärtner am Werke und verlegen auf dem vorbereiteten Boden Schläuche. „Das ist die Bewässerungsanlage für die Rasenfläche, die hier entsteht“, erläutert Eichinger. Noch vor kurzem war der Platz asphaltiert, ein Parkplatz mit Durchgangsstraße. „Schauen Sie da vorne, die Bäume“, sagt er: „Die werfen schon jetzt, wo sie frisch gepflanzt sind, einen angenehmen Schatten auf die Bänke darunter. Aber in ein paar Jahren sind die Kronen viel größer, da wird der Effekt noch stärker spürbar!“ Hundert Meter weiter wurde gerade ein Klettergarten gepflanzt: Rankgerüste stehen dort, an denen sich Weinpflanzen emporwinden und eine grüne Oase inmitten der Altstadt bilden.
Es gibt aber auch Beispiele, die illustrieren, wie hart das Ringen um jeden einzelnen Baum in der Praxis ist: Bei manchen prominenten Plätzen – etwa am Rathausplatz – ist der Denkmalschutz strikt gegen eine Bepflanzung, weil Bäume die historischen Sichtachsen unterbrechen würden. Anderswo muss genügend Platz bleiben für den Wochenmarkt, an wieder anderer Stelle liegen archäologische Funde unter dem Straßenpflaster oder auch Abwasserleitungen, so dass Baumwurzeln da Schaden anrichten würden. Und dann wieder gibt es Hausbesitzer, die ein Veto gegen einen Baum einlegen, damit Fenster nicht verschattet werden.
Es gibt ein großes Interesse an einer klimaresilienten Stadt
„Grundsätzlich ist das Interesse an einer klimaresilienten Stadt aber groß“, hat Katharina Schätz beobachtet. Die Wirtschaft will, dass Regensburg lebenswert bleibt und weiterhin Touristen anzieht, die Bürger sind an den heißen Sommertagen dankbar für die Wasserspender in der Fußgängerzone, für die kühlenden Brunnen und die Bäume, die Schatten auf die neu montierten Ruhebänke werfen.
Die Prinzipien für die klimaresiliente Stadtplanung gelten aber natürlich nicht nur im historischen Zentrum. Gerade entstehen in Regensburg die Pläne für ein großes Neubauprojekt: Die einstige Prinz-Leopold-Kaserne wird zu einem Innovationsquartier. Autos sollen in sogenannten Mobilitätshubs geparkt werden, es wird Rückhaltemulden für Regenwasser geben, die Strom- und Wärmeversorgung läuft über erneuerbare Energien, die bestehenden Bäume werden erhalten und ein neuer Grünzug ergänzt. Die Stadt macht dazu strenge Auflagen. Wenn die nicht erfüllt werden, gibt es keine Baugenehmigung.
Innovationsprojekt "Prinz-Leopold-Kaserne"
Genau das ist es, was Stadtplanungs-Abteilungsleiter Bernhard Eichinger meint, wenn er sagt, dass der Klimaanpassung bei allen künftigen Planungen im Vordergrund steht. Neulich erst hat er an seinen Architekturprofessor gedacht, der ihm damals zu Beginn der 1980er Jahre schon während des Studiums das Vorbild aus dem alten Mesopotamien nahe gelegt hatte. „’Wer etwas baut, der muss auch etwas pflanzen’, hieß es dort“, erinnert sich Eichinger schmunzelnd.
In Sachen Klimaresilienz, das wird an diesem Beispiel deutlich, ist Regensburg heute zwar ein Vorreiter – aber Vorbilder für einen bewussten Umgang mit dem Klima in der Stadt gab es schon in viel früherer Zeit.