Meike Lohkamp

Kunst als Kommunikatorin

In welchem Verhältnis stehen Kunst und Wissenschaft? Was ist die besondere kommunikative Kraft der Kunst im Hinblick auf den Klimaschutz? Das sind Fragen, die den Künstler und Kunsthistoriker Dr. Andreas Pohlmann umtreiben. Aktuell portraitiert er 100 deutsche Klimawissenschaftler:innen – im Panoramaformat. Darunter auch viele Helmholtz-Forscher:innen.

Herr Pohlmann, Ihre Arbeit bezeichnen Sie als experimentelle Naturfotografie. Was heißt das?

Mit meinen Fotos entwickele ich eine Form, die uns hilft, die Natur als einen Ort zu verstehen, der nicht außerhalb unserer Welt liegt, als eine Art Refugium für Freizeitgestaltung, sondern dessen Teil wir sind und den wir neu entdecken müssen. Ich sehe die Natur als einen Bereich, der Habitate entwickelt, der Biodiversität pflegt. Das bedeutet, an den Orten, an denen ich fotografiere, kann man zwar Schönheit erleben, aber es ist eine andere Schönheit, als die, die wir in unserer technisierten Zivilisation erleben. Meine Naturfotografie ist eine Fotografie im Panoramaformat, die versucht den Blickwinkel der Natur selbst einzunehmen. Ich bin an den Orten nur zu Gast. Ich fühle mich einerseits dort hingezogen, aber gleichzeitig auch ein wenig fremd. Und genau das bilden meine Fotos auch ab.

Portrait Andreas Pohlmann
Portrait Andreas Pohlmann
©
Petra Hartman

Ihre Bilder haben etwas fast Lapidares, ja Belangloses, gleichzeitig aber auch etwas Magisches, etwas Faszinierendes. Ihr Bild vom Bärlauchwald an der Rur zum Beispiel.

Stimmt. Hier in der Gegend sind einige Überschwemmungsgebiete. Da haben sich Bärlauchpflanzen wohlgefühlt und Kolonien gebildet. Nur wenige Meter vom Weg entfernt, im Gebüsch, da sieht man eine vollkommen andere Welt. Ich habe für dieses Bärlauchpanorama insgesamt 120 Fotos gemacht, die mittels Schärfeaddition und Stitching einen geradezu surrealen Bildraum erzeugen. Aber eben auch real, weil er von vorne bis hinten scharf ist. Da ist das Malerische mindestens so stark wie das Fremde und das dort nicht leben können. Das ist eine Spannung, die erzeugt wird.

Sie sind nicht nur Künstler, sondern auch promovierter Kunsthistoriker. Wie würden Sie das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft beschreiben?

Ich glaube, Kunst und Wissenschaft treiben Menschen in gleicher Weise an. In der frühen Phase der Menschheit war das sicherlich noch sehr viel näher beieinander. Schamanen, Menschen, die Kräutertechniken, die Naturbeobachtungen gemacht haben, die versucht haben, in dem Chaos, in dem sie lebten, Zusammenhänge zu verstehen und diese Dinge zu erklären, begreifbar zu machen. Da liegt sicherlich auch der Keim der Naturwissenschaft. Heute ist es so, dass ich sagen würde, Kunst und Wissenschaft sind zwei verschiedene Perspektiven, die auf den gleichen Kosmos zugreifen. Dabei hilft die Kunst der Wissenschaft.

Was meinen Sie mit „die Kunst hilft der Wissenschaft“?

Die Kunst hilft der Wissenschaft nicht durch die Inszenierung des Künstlers, der seine Eigenheiten, seine Individualität und sein kreatives, besonderes Moment präsentiert. Sie hilft eher durch einen Perspektivwechsel. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind fixiert auf sehr hohe Präzision, Datenerfassung, theoretische Überlegungen und Modellierungen. Das muss ich als Künstler nicht machen. Ich kann springen. Ich habe andere Freiheitsgrade. Und Kunst hat eine ganz andere kommunikative Wirkung als Wissenschaft. Sie kann einen kommunikativen Prozess initiieren. Wenn man sich die Höhlenmalerei vor 45.000 Jahren in Frankreich anguckt, dann sagt Picasso: „wenn ich mir das ansehe, dann sind wir nicht viel darüber hinaus gekommen. Das, was die da gemacht haben, kann ich nicht besser.“ Das finde ich sehr interessant. Das heißt also, die Kunst ist etwas, was den Menschen schon seit Zehntausenden von Jahren innewohnt. Es hat eine extrem starke Kraft in der Kommunikation.

Die kommunikative Kraft der Kunst – was heißt das auf den Klimawandel bezogen?

Ich denke, dass Kunst etwas ist, was in den direkten Kommunikationsprozess eingreift und damit eine Art Mentor zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sein kann. Das heißt also, die Kunst ist hier nicht derjenige oder diejenige, die weiß, was am Ende rauskommt. Sie ist auch nicht diejenige, die genau festlegt, wie der Weg irgendwohin ablaufen muss. Das Momentum ist eher der Freiheitsgrad und das Kommunizieren auf Augenhöhe, also die Beteiligung der Menschen auf der Straße. Dort erreichen wir noch mal ganz andere Menschen als es Medien tun. Wenn man auf die Straße geht, dann sind da die Leute von nebenan, dann ist man wirklich auch angreifbar, dann ist man nicht mehr im medialen Sektor, in der Distanz.

Inwiefern trägt ihr neues Projekt – eine Portraitreihe von 100 Klimaforscher:innen – dazu bei?

Diese Bilder sind nichts anderes als eine Art Angelhaken. Die 100 Bilder sind ja verbunden mit 100 verschiedenen Positionen – und bieten damit einen relativ großen Quer- und Längsschnitt der deutschen Klimaforschung. Ein Traum wäre für mich eine Ausstellung im Humboldtforum. Als Anfang der Kommunikation. Dann müsste im Grunde genommen eine Auskopplung der Ausstellung in einen Truck geladen und zu den Menschen gefahren werden. Auf die Marktplätze. In die Dörfer. Wo wir die Leute direkt ansprechen.

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