Interview: Mareike Knoke

„Wir erforschen eine präzisere Allergie-Frühwarnung“

Der Klimawandel macht Allergiker*innen das Leben noch schwerer. Beispiel Pollenallergie: Die Saison beginnt wegen der milden Winter deutlich früher, der Pollenflug ist meist heftiger – und dauert länger. Auch extreme Wetterlagen können zu starken Allergieschüben führen, etwa bei Asthmatiker*innen.

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Die Medizinerin Claudia Traidl-Hoffmann und die Geografin Daniela Bayr suchen in der Helmholtz-Klima-Initiative gemeinsam nach Wegen für eine bessere Prävention und nach Frühwarnsystemen für Allergiker*innen.

Frau Traidl-Hoffmann, Frau Bayr, weltweit nehmen in den Industrieländern Allergien zu. Die meisten Allergiker*innen denken, ihr Heuschnupfen, ihre Neurodermitis oder ihr Asthma seien mehr oder weniger genetisch bedingt. Sprich: Haben es die Eltern, haben es auch später die Kinder. Aber offensichtlich gibt es noch weitere Faktoren, die Allergien stark begünstigen?

Porträt Claudia Traidl-Hoffmann
Porträt Claudia Traidl-Hoffmann
Claudia Traidl-Hoffmann vom Helmholtz Zentrum München erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Gesundheit
©
Micha Pawlitzki

Claudia Traidl-Hoffmann: Natürlich spielt die genetische Veranlagung eine Rolle. Aber Allergien haben in den letzten Jahrzehnten einen exponentiellen Anstieg gehabt. Wenn also Allergien nur genetisch bedingt wären, müssten sich unsere Gene auch stark verändert haben. Deswegen muss,  wenn wir von ,Genetik‘ sprechen, auch das Stichwort ,Epigenetik‘ fallen. Darunter versteht man das Wechselspiel zwischen Genom und Umwelt. Unsere DNA ist nämlich relativ stabil und konstant.  Umwelteinflüsse hingegen können durch Ein- und Ausschalten von vorhandenen Genen zu Veränderungen führen. Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: Vererben Eltern ihren Kindern eine Veranlagung für Neurodermitis, kann es sehr gut sein, dass davon in der Großelterngeneration noch nichts zu finden war, weil eben dort das krankmachende Gen noch nicht aktiv war.

Von welchen Umwelteinflüssen sprechen wir vor allem?

Traidl-Hoffmann: Der Lebenswandel speziell in den Industrieländern hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten deutlich verändert. Dazu gehören eine zum Teil einseitige Ernährung mit Fast Food und weniger frischen Produkten direkt vom Erzeuger, weniger regelmäßige Bewegung in und Berührung mit der Natur und eine schlechtere Luftqualität durch starke Industrialisierung.  Wissenschaftler*innen sehen anhand von Studien klar einen Zusammenhang zwischen solchen Faktoren und einer wachsenden Zahl von Allergikern.

Daniela Bayr: Auch eine Häufung bestimmter Wetterlagen scheint Allergien zu verstärken. Man geht davon aus, dass durch den Klimawandel noch deutlich härtere Zeiten auf Allergiker*innen zukommen werden. Tatsächlich ist jetzt schon spürbar, dass mildere Winter zu einem früheren, teils auch heftigeren und insgesamt längeren Pollenflug führen. Viele Allergiker*innen leiden schon im Dezember unter den typischen Symptomen. Hinzukommt: Konstante Winde aus gleicher Richtung wehen Pollen in Regionen, wo sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich keine Saison haben – long distance transport lautet der Fachbegriff dafür. Zudem können bestimmte Wettersituationen, beispielsweise Gewitter, Einfluss auf Asthma haben. Das erforschen wir derzeit für die Region Augsburg.

Porträt Daniela Bayr
Porträt Daniela Bayr
Daniela Bayr: Auch eine Häufung bestimmter Wetterlagen scheint Allergien zu verstärken

Was weiß man darüber?

Bayr: Ausgangspunkt meiner Forschung ist das sogenannte Thunderstorm-Asthma-Event, das 2016 in Australien in Melbourne und Umgebung zu beobachten war. Es kam damals zu außergewöhnlich starken Gewitterstürmen. Als eine Folge stieg die Zahl der Asthma-Notfallpatient*innen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, rapide an. Die medizinische Notfallversorgung wurde dadurch an die Belastungsgrenze gebracht und es kam zu zehn Todesfällen. Am anderen Ende der Welt, in London, wurde zu einem anderen Zeitpunkt ein ähnliches Ereignis beobachtet. Zudem gibt es auch Berichte aus dem Iran, Italien und Kanada. Solche Phänomene scheinen also weltweit aufzutreten und sind auch bei uns in Deutschland möglich.

Warum fördern Gewitterstürme Asthma?

Bayr: Nicht jedes Gewitter tut das in gleichem Maße: Bei einigen treten vor allem sehr starke Winde auf – das ist eher schlecht für Allergiker*innen. Bei anderen dominieren starke Regenfälle – das minimiert die Pollenkonzentration. Bei dem Thunderstorm-Asthma-Event in Australien geht man davon aus, dass verschiedene Dinge zusammengekommen sind, die in der Summe diese verheerende Wirkung hatten: Zum einen eine hohe Pollenkonzentration von vor allem Gräsern, dann sehr starke Winde während des Gewitters und eine erhöhte Feinstaubbelastung. Sowohl London als auch Melbourne sind Millionenstädte mit Industrie – das würde die Feinstaubbelastung erklären.

Werden mit dem fortschreitenden Klimawandel solche Faktoren häufiger aufeinandertreffen?

Bayr: Deshalb brauchen Allergiker*innen ein besseres und detaillierteres Frühwarnsystem, um bestimmte Regionen zeitweilig zu meiden oder um sich rechtzeitig mit Medikamenten wappnen zu können – zum Beispiel, wenn sie im Urlaub in bestimmte Regionen reisen wollen. Dabei interessieren mich aber nicht nur Gewitter, sondern auch andere Wetterlagen, die die Aeroallergene beeinflussen könnten. Wir erforschen, wie durch die Beobachtung von Wetterlagen und Pollenkonzentration eine präzisere Frühwarnung für Allergiker*innen ermöglicht werden kann, als herkömmliche Pollenkalender sie bieten. Dass wir in einem interdisziplinären Team arbeiten, ist dafür ideal, weil hier das Wissen von mir als Geografin mit statistischen und meteorologischen Kenntnissen und die Expertise von Biolog*innen, Immunolog*innen, Sozialwissenschaftler*innen und Mediziner*innen zusammengebracht wird.

Wäre es nicht einfacher, den meisten Allergiker*innen eine Therapie wie die Hyposensiblisierung zu verpassen?

Traidl-Hoffmann: Genau das ist in vielen Fällen die Lösung und ich setze dies bei meinen Patient*innen auch um. Das Problem ist, dass eine solche Immunisierung, die sich über einige Jahre erstreckt, von den Ärzt*innen immer seltener angeboten wird. Früher war es das Mittel der Wahl, das von dafür ausgebildeten Mediziner*innen verabreicht wurde. Doch die für die Injektionen erforderlichen Substanzen sind teuer in der Herstellung – und die Ärzt*innen wiederum bekommen eine vergleichsweise schlechte Vergütung dafür. Vor allem aber gibt es immer weniger Mediziner*innen, die eine Hyposensibilisierung durchführen können.

Warum?

Traidl-Hoffmann: Mittlerweile ist das Fach Allergologie aus dem Kanon der Facharztweiterbildungen gestrichen worden. Zusammen  mit den allergologischen Fachgesellschaften befürchten wir, dass darunter die Qualität der Krankenversorgung leiden wird. Und da wir in Deutschland mehr als 30 Millionen Allergiker*innen zählen, müssen wir sehr gut sein, um diesen Menschen Lebensqualität zu sichern und sie gleichzeitig fit am Arbeitsplatz und lernfähig in der Schule zu halten. Kurz gesagt, wir können uns die Allergie sozioökonomisch nicht leisten. Und da wir den Klimawandel leider nicht von heute auf morgen stoppen können, muss unser Fokus auf der Prävention beziehungsweise einem Frühwarnsystem liegen.

Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Gesundheit
Claudia Traidl-Hoffmann erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Gesundheit
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